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Qualität in der Privathaftpflichtversicherung (PHV) – Die Leistungsspirale dreht sich

Nicht ohne Grund gilt die Privathaftpflichtversicherung (PHV) als eine der wichtigsten, wenn nicht, als die wichtigste Versicherung für Verbraucher. Sie schützt vor Ansprüchen auf Schadensersatz und damit in manchen Fällen vor dem Verlust der finanziellen Existenz. Das Angebot in der Privathaftpflicht ist vielfältig.

Qualität in der Privathaftpflichtversicherung mit großen Unterschieden

Wer jedoch glaubt, dass sich das Qualitätsniveau von Privathaftpflichtversicherungen in den letzten Jahren angenähert hat, wird schnell enttäuscht. Nicht jedes Produkt ist gleich, sondern mit unterschiedlichen Optionen, Klauseln und Deckungssummen versehen. Der Qualitätsspreiz der Produktlandschaft wird in der folgenden Grafik sichtbar:

Der Qualitätsgrad wurde anhand von 94 Qualitätskriterien ermittelt, wobei jedes Kriterium immer am Bestwert im Marktvergleich gemessen wird. Dabei stehen 100 % für das Erreichen der maximal möglichen Punktzahl. Um 100% zu erreichen, müssten alle 94 Kriterien mit dem jeweiligen Bestwert im Marktvergleich abschneiden, was praktisch unmöglich ist. Der durchschnittlich erzielte Indexwert beträgt aktuell 72 von 100 %. Das ist ein guter Wert – keine Frage. Aber noch immer sind viele Produkte am Markt, die sich deutlich unterhalb dieses Werts bewegen.

PHV-Basisprodukte häufig am unteren Ende der Qualitätsskala

Häufig handelt es sich dabei um die Basisproduktlinie der jeweiligen Versicherer. Diese Tarife beschränken sich auf die wesentlichen Leistungen einer Privathaftpflichtversicherung und können daher mit einer günstigen Prämie angeboten werden. Die Ausgestaltung der einzelnen Tariflinien ist jedoch sehr unterschiedlich. Nahezu alle Gesellschaften bieten zwei oder drei verschiedene Qualitätslevel. Diese variieren von Anbieter zu Anbieter allerdings stark – mit der absurden Konsequenz, dass das Basisprodukt der einen Gesellschaft einen höheren Qualitätsindex aufweisen kann als das beste Produkt einer anderen Gesellschaft.

Trend zu mehr Qualität in der Privathaftpflichtversicherung

Die gute Nachricht: Grundsätzlich beobachten wir einen erfreulichen Trend zu mehr Qualität. Leistungen, die früher höchstens dem Top- Produkt eines Unternehmens vorbehalten waren, finden immer häufiger den Weg in das Basisprodukt, wie der historische Vergleich zeigt. Unsere Ratings erweisen sich hier als Qualitätstreiber in für Kunden wichtigen Leistungsmerkmalen. Wie man erkennen kann, hat es aber auch ohne Ratings einen Leistungswettbewerb gegeben. Zu beobachten ist auch ein Trend zu Mehrleistungen, deren Nutzen zumindest fraglich ist.  

Privathaftpflicht als „Social Insurance“

Ein Trend, der schon aus anderen Sparten bekannt ist, greift nun auch in der PHV-Versicherung um sich: das Add-on-Prinzip. Immer neue und kreative Leistungsmerkmale werden einem Produkt beigefügt mit dem Ziel, im Wettbewerb zu glänzen oder es für vermeintlich schwer erreichbare Kunden attraktiver zu gestalten.

Die Privathaftpflichtversicherung entwickelt sich mehr und mehr zur neuen „Social Insurance“. Der Versicherungsschutz umfasst zunehmend Leistungen, die über den ursprünglichen Schadensersatzanspruch aufgrund gesetzlicher Haftpflichtansprüche privatrechtlichen Inhalts (§ 823 BGB) weit hinausreichen. Leistungen für Schäden durch Gefälligkeitshandlungen oder deliktunfähige Mitversicherte verfolgen nicht länger das Ziel, Versicherte von Schadenersatzansprüchen freizustellen. Sie erbringen eine freiwillige Leistung, um das Sozialgefüge zwischen Schadenverursacher und Geschädigtem zu bewahren.

Einem vergleichbaren Zweck dienen Entschädigungen zum Neuwert oder der Rabattausgleich bei Kraftfahrzeugen. Während die ersten beiden Leistungen bereits eine große Marktdurchdringung erreicht haben – ca. zwei Drittel aller Tarife leisten für deliktunfähige Kinder und Gefälligkeitshandlungen – sind Neuwertentschädigung und Rabattausgleich bislang (noch) vor allem in Toptarifen zu finden.

Vermittler als Treiber der Leistungsspirale in der Privathaftpflicht

Zur Verbesserung der Ratingnoten tragen die neuen Leistungsbausteine nur teilweise bei. Treiber dieser Leistungsspirale in der Privathaftpflichtversicherung sind vor allem Versicherungsvermittler. Schließlich bieten ihnen neue Optionen und Produkte einen Anlass, ihre Kunden auf die Neuerungen anzusprechen und deren Produktportfolio zu optimieren. Im Kontext des Megatrends Individualisierung erscheint mehr Vielfalt von Versicherungsprodukten durchaus zielführend. Trotzdem sollten die negativen Folgen der Vielfalt ebenfalls bedacht werden. Weniger Transparenz und steigende Komplexität der Produktlandschaft sind nur zwei Begleiterscheinungen häufiger Optimierungen. Höhere Preise oder Druck auf die Margen stehen auf der anderen Seite der Bilanz.  
Aber ist es überhaupt notwendig, den Produktkern mit neuen Leistungen zu verändern? Antworten auf diese Frage lesen Sie im nächsten Blogbeitrag „Insurtechs – Die Disruptoren der Privathaftpflicht“. Natürlich interessiert uns auch Ihre Meinung dazu, daher freuen wir uns über Ihre Kommentare.

Christian Monke

Christian Monke
Bereichsleiter Analyse
Franke und Bornberg GmbH

Kommentare

Super geschriebener Artikel :-). Eine sehr gute Aufstellung. Da kann sicherlich der ein oder andere was mit anfangen. In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen.

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