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BU-Risikoüberschüsse: Ursachen und Auswirkungen

In der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung hat die BU zuletzt vor rund zwei Jahren einige tiefere Kratzer in die glänzende Fassade bekommen. Als die WWK die Überschüsse senkte und die Prämien auch für Akademiker und andere „gute Risiken“ deutlich anzogen, war die Aufregung groß. Während bei anderen Produkten Überschussreduzierungen und/oder Prämienerhöhungen kaum noch für Schlagzeilen sorgen, galten die Überschüsse in der BU als nahezu naturgegeben. Insbesondere dann, wenn sie zur Beitragsverrechnung und damit zur Senkung der kalkulierten Prämie eingesetzt werden.

BU-Überschüsse sind nicht naturgegeben

Überschüsse sind per Definition nicht garantiert und eine Anpassung ist schon aufgrund vielfältiger und oft nicht vorhersehbarer Einflüsse auf die Kalkulation von derart langlaufenden Verträgen eher wahrscheinlich. Dennoch hielten viele Marktteilnehmer Änderungen der Überschusssätze und damit Beitragserhöhungen für die Versicherten lange Zeit für ausgeschlossen. Warum erst die Überschusssenkungen der WWK zu einer hohen Aufmerksamkeit geführt haben, ist indes schleierhaft, denn tatsächlich haben aber einzelne Gesellschaften schon in der Vergangenheit Überschusssätze für einzelne Tarifgenerationen abgesenkt. Verschärft wird das Anpassungsrisiko der Überschüsse noch durch Aktionen mit vereinfachter Risikoprüfung, die einige Anbieter seit Jahren durchführen.

In den vergangenen 20 Jahren haben wir regelmäßig vor einer Überhitzung des BU-Marktes gewarnt, die zu negativen Folgen für alle Beteiligten führen kann. Die Anpassung von Überschüssen ist dabei nur eines der Risiken für die Versicherten. Die Franke und Bornberg-Studien zur Überschussentwicklung aus den Jahren 2015 und 2016 zeigten für eine Mehrzahl der untersuchten Versicherer, dass Überschusssätze auch schon in früheren Jahren – zum Teil deutlich – angepasst wurden. Davon betroffen waren laufende Überschüsse, aber auch für Bonusrenten und Schlussüberschüsse.

Studie zur Stabilität von BU-Überschüssen

Die Stabilität der Überschüsse von BU-Tarifen ist ein bisher immer noch sträflich vernachlässigtes Thema. Vor allem auch deshalb, weil es bisher nicht direkt auf das Neugeschäft durchschlägt. Diesen Aspekt wollen wir nicht zuletzt durch die in Kürze erscheinende neue Studie „Stabilitätsrating der BU-Versicherer“ einmal mehr verstärkt in den Fokus rücken. Denn langfristige Stabilität ist gerade in der Berufsunfähigkeitsversicherung ein entscheidendes Kriterium. Wir untersuchen dabei unter anderem, welche BU-Anbieter in der Vergangenheit Risikoüberschüsse gesenkt haben. Aber weshalb liegt der Fokus auf den Risikoüberschüssen?
In den vergangenen Jahren spielte der Preiswettbewerb eine immer größere Rolle. Diese Entwicklung wurde dadurch verstärkt, dass ein großer Teil der Versicherungsbedingungen ein hohes Qualitätsniveau erreicht hat und die Produktanbieter somit vermehrt über den Preis konkurrieren. Gründe für den Wegfall bzw. die Reduzierung der Risikoüberschüsse können vielfältiger Natur sein.

Das Abschmelzen von BU-Überschüssen ist vorprogrammiert

Bei Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung erfolgt eine umfangreiche Gesundheitsprüfung, die Versicherungsnehmer mit Vorerkrankungen keinen (uneingeschränkten) Versicherungsschutz gewährt. Nach ca. fünf Jahren ist der Effekt der Gesundheitsprüfung jedoch im Bestand kaum noch nachweisbar. Wenn dieser Selektionseffekt aus Wettbewerbsgründen dauerhaft in der Kalkulation angesetzt wird, geht die Rechnung schon bald nicht mehr auf. Ein weiterer Grund für Druck auf die Risikoüberschüsse ist in sog. Öffnungsaktionen zu sehen, die nur eine vereinfachte Gesundheitsprüfung vorsehen. Infolgedessen werden im Sinne einer Antiselektion Versicherte in den Bestand aufgenommen, denen sonst bei der üblichen umfangreicheren Gesundheitsprüfung kein Versicherungsschutz mehr gewährt würde. Dadurch treten später vermehrt Leistungsfälle auf, die die Risikoüberschüsse senken.

Ein weiteres Problem liegt in der Logik des Preiswettbewerbs. Durch immer kleinteiligere Kalkulation wird es für bereits Versicherte, die noch gesund sind, attraktiv zu wechseln. Der Ursprungsversicherer verliert also gerade die gesunden Kunden, die im Bestand für die Stabilität der Überschüsse sorgen. Dadurch verbleiben vermehrt Versicherte im Kollektiv, die bereits gesundheitliche Vorerkrankungen und damit ein erhöhtes Risiko besitzen, berufsunfähig zu werden. Der Druck auf die Überschüsse verläuft somit in einer ungesunden Spirale, die sich zunehmend schneller dreht.

Die Historie zeigt: Versicherer senken ihre Überschussbeteiligung

Ein Einblick in die Kalkulation der Tarife ist zwar von außen nicht möglich, die Vergangenheitsbetrachtung erlaubt jedoch Aufschluss über die Solidität der Anbieter bei bestehenden Tarifen und liefert so wichtige Rückschlüsse für die bestehenden und neu aufgelegten Tarife. Risikoüberschüsse entstehen u.a. deshalb, weil der tatsächliche Risikoverlauf in der Regel niedriger liegt als mit vorsichtigen Invalidisierungswahrscheinlichkeiten angenommen. Ein schlechterer Risikoverlauf als erwartet ist der wesentliche Auslöser, um die BU-Überschussbeteiligung zu senken. Das geringe Zinsniveau führt zu niedrigeren Kapitalanlageergebnissen. Da nach dem LVRG unter Umständen eine Verrechnung mit Risikoüberschüssen erfolgen könnte, ist hierdurch ein zusätzliches Risiko für eine Absenkung der Überschusssätze und folglich eine Erhöhung der Nettoprämie gegeben. Wir bewerten die langfristige Konstanz von Risikoüberschüssen, da sie einen Gradmesser für solide und vorausschauende Geschäftspolitik darstellen.

In der Stabilitätsbewertung werden nur Reduzierungen der Risikoüberschüsse berücksichtigt, wobei sowohl die Höhe als auch der Zeitpunkt der Absenkung (je weiter zurückliegend umso geringer die Abwertung) bewertungsrelevant sind. Die nachfolgend aufgeführten Gesellschaften senkten die Risikoüberschüsse für Teilbestände in den Jahren 2002 bis 2018:

Diese Übersicht bedeutet jedoch nicht, dass in den Jahren seit 2002 lediglich 17 Anbieter Senkungen bei den Überschüssen vorgenommen haben. Wären in die Bewertung neben den Risikoüberschüssen auch Reduzierungen bei den laufenden Renten und Schlussüberschüssen eingeflossen, hätte sich die Anzahl mindestens verdoppelt. Es wird also einmal mehr deutlich, dass Reduzierungen bei den Überschüssen alles sind, nur eben keine Einzelfälle.

Transparenz bei BU-Überschüssen zwingend erforderlich

Die Berichte zu den Überschussanteilsätzen der Berufsunfähigkeitsversicherungen sind sehr unterschiedlich gestaltet und nur bedingt vergleichbar. Daher ist es schwierig, eine einheitliche Grundlage herzustellen. Aus diesem Grund bezieht sich die Analyse immer auf den spezifischen Ausweis des jeweiligen Anbieters. Denn nahezu jede der untersuchten Gesellschaften verwendet ein unterschiedliches System der Überschuss¬beteiligung und damit auch der Darstellung. Mal erstreckt sie sich über zwei Seiten, mal über 30. Mal als Text, mal in Tabellenform. Mal mit ausführlicher Erläuterung, mal nur in Zahlen. Mal für fünf Tarifgenerationen, mal zwanzig. Mal einen Versichertenbestand, mal von verschiedenen fusionierten Unternehmen. Mal eine Differenzierung nach Geschlechtern, mal nach Berufsgruppen, mal nach Eintrittsaltern oder Eintritts- und Endaltern oder alles zusammen.

Ungeachtet der aus den geschilderten Gründen beeinflussten Aussagekraft der Ergebnisse oder gerade deswegen, ist das Thema Überschüsse und langfristige Stabilität wichtig und muss verstärkt in den Fokus rücken. Kunden und Vermittler benötigen mehr und verständlichere Informationen zu diesem wichtigen Themenkomplex, denn die Stabilität von Risikoüberschüssen ist eine zentrale Vertrauensfrage. In diesem Zusammenhang wäre auch eine einheitliche Darstellung der Überschussanteilsätzen in den Geschäftsberichten (bzw. in den Anhängen zu Überschussanteilen) zwingend. Offizielle Formblätter wie bspw. bei der Berichterstattung zur Bilanz, GuV oder den Kapitalanlagen könnten dabei zweckdienlich sein. Ohne gesetzliche Vorgaben werden wir darauf aber vergeblich warten. Weitere Informationen dazu veröffentlichen wir in Kürze im map-report 912 „Stabilitätsrating der BU-Versicherer“.

Reinhard Klages

Reinhard Klages, map-report
Analyse
map-report

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