Wo die Emissionen wirklich entstehen: CO₂-Bilanz der Versicherungsbranche
Der erste Schritt zur Steuerung – Wie erfassen Versicherer ihre CO₂-Emissionen?
Wer CO2-Emissionen reduzieren will, muss sie zuerst kennen. Klingt selbstverständlich, ist es in der Praxis aber nicht. Unser aktueller Nachhaltigkeits-Report zeigt, wie weit die Versicherungsbranche bei der Erfassung und Steuerung ihrer CO2-Bilanz tatsächlich ist. Untersucht wurden 48 Versicherungskonzerne – das entspricht 214 deutschen Erstversicherern. Datengrundlage sind öffentlich verfügbare Nachhaltigkeitsberichte, CSRD-Berichte und nichtfinanzielle Erklärungen.
Der CO2-Fußabdruck eines Unternehmens gliedert sich nach dem Greenhouse Gas Protocol in drei Bereiche:
- Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus dem eigenen Betrieb, etwa aus Firmenfahrzeugen und Heizanlagen
- Scope 2 erfasst indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom und Fernwärme
- Scope 3 umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette – von Dienstreisen über eingekaufte Güter bis hin zur Kapitalanlage. Gerade Scope 3 ist für Versicherer besonders relevant: Die finanzierten Emissionen aus der Kapitalanlage übersteigen die betrieblichen Emissionen in der Regel um ein Vielfaches
Angegeben werden die Werte in CO2-Äquivalenten (CO2e), die neben CO2 auch andere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas vergleichbar machen. Im Folgenden steht „CO2" vereinfachend für alle erfassten Treibhausgase.
Viele Versicherer berichten zu Scopes und machen Fortschritte bei direkten Emissionen
90 Prozent der untersuchten Versicherer berichten zu Scope 1 und 2, 85 Prozent zu Scope 3. Das ist eine solide Grundlage – und zeigt, dass Emissionserfassung in der Branche angekommen ist.
Bei den betrieblichen Emissionen sind zudem Fortschritte erkennbar: 65 Prozent der Versicherer liegen bei Scope 1 und 2 unter einer Tonne CO2e pro Mitarbeiter. Zum Vergleich: Allein die energiebedingten Emissionen der chemischen Industrie — und damit ein wesentlicher Teil der Emissionen aus Scope 1 und 2 — lagen 2023 bei rund 33 Millionen Tonnen CO2e. Verteilt auf knapp 480.000 Beschäftigte entspricht das etwa 70 t CO2e pro Mitarbeiter (Quellen: Verband der Chemischen Industrie e.V.; Statistisches Bundesamt). Das verdeutlicht die vergleichsweise geringe direkte Emissionsintensität der Versicherungsbranche.
Einzelne Versicherer haben ihre Gesamtemissionen seit 2019 um 49 bis knapp 70 Prozent gesenkt. Allerdings ist Vorsicht bei der Interpretation geboten: Die meisten Versicherer legen ihre Reduktion zum Basisjahr bislang nicht offen – entweder weil die Erfassung noch nicht weit genug zurückreicht oder weil unterschiedliche Bezugsgrößen einen Vergleich erschweren. Das macht eine Einordnung schwierig: Wer früh mit der Reduktion begonnen hat, kann prozentual weniger reduzieren – ohne deshalb schlechter zu steuern. Und wer erst jetzt mit der Erfassung beginnt, wird Jahre brauchen, um vergleichbare Aussagen treffen zu können.
Zwei wesentliche Positionen in Scope 3 sind Geschäftsreisen und der Arbeitsweg der Beschäftigten. Geschäftsreisen verursachen im Schnitt 0,27 t CO2e pro Mitarbeiter, das Pendeln 0,70 t CO2e. Die Pandemie hat hier offenbar einen dauerhaften Effekt hinterlassen: Viele Versicherer haben die Reduktion von Dienstreisen strategisch verankert – etwa durch die Bevorzugung öffentlicher Verkehrsmittel oder das Verbot innerdeutscher Flüge.
Kapitalanlage als größerer Hebel auf dem Weg zu weniger Emissionen
Die betrieblichen Emissionen sind jedoch nur ein Teil der Geschichte. Der weitaus größere Hebel liegt in der Kapitalanlage. Die finanzierten Emissionen – also die CO2-Bilanz der Unternehmen und Projekte, in die Versicherer investieren – machen den Löwenanteil der Scope-3-Emissionen aus. Rund 69 Prozent der untersuchten Versicherer erfassen diese Emissionen bereits.
Die Spannweite ist erheblich: Die CO2-Intensität der Kapitalanlageportfolios reicht von 50 t CO2e pro Million Euro investiertes Kapital bis über 1.200 t – ein Faktor von mehr als 20. Diese Unterschiede erklären sich teils durch unterschiedliche Portfoliostrukturen, teils durch variierende Berechnungsmethoden – und teils dadurch, dass Versicherer unterschiedliche Assetklassen in ihre Berechnung einbeziehen. Knapp die Hälfte der Versicherer nutzt den PCAF-Standard (Partnership for Carbon Accounting Financials), der unter der CSRD regulatorisch vorgeschrieben ist – ein wichtiger Schritt in Richtung Vergleichbarkeit.
Vergleichbarkeit bleibt die zentrale Herausforderung
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Vergleichbarkeit der Emissionsdaten eingeschränkt. Solange einheitliche Berechnungsstandards nicht branchenweit angewendet werden, lassen sich Fortschritte nur schwer einordnen. Hinzu kommt, dass eine vollständige Erfassung häufig an der Verfügbarkeit externer Daten scheitert: Nicht alle Portfoliounternehmen liefern die notwendigen Emissionsdaten.
46 Prozent der untersuchten Versicherer gleichen verbleibende Emissionen über zertifizierte Klimaschutzprojekte aus – von Aufforstung über Biogasanlagen bis zu erneuerbaren Energien in Ländern des Globalen Südens. Kompensation kann ein sinnvoller Baustein sein, ersetzt aber keine echte Reduktion. Und ohne konsequente Qualitätskontrolle birgt sie Risiken: Projekte, die den versprochenen Impact nicht liefern, gefährden nicht nur die Reputation – sie verfehlen auch die eigentliche Wirkung.
Wie geht es weiter mit CO2-Emissionen bei Versicherern?
Die Versicherungsbranche hat beim Thema CO2-Emissionen Fahrt aufgenommen: Im eigenen Betrieb sind Fortschritte erkennbar und die Erfassung finanzieller Emissionen gewinnt an Breite. Doch der Weg zu einer verlässlichen, vergleichbaren CO2-Bilanz ist noch weit. Wer Emissionen wirklich steuern will, braucht mehr als Berichtspflichten. Solange einheitliche Standards und eine vollständige Datenbasis fehlen, bleibt die Steuerung lückenhaft. Die Datenverfügbarkeit bleibt die zentrale Hürde – hier sind Versicherer und ihre Portfoliounternehmen gleichermaßen gefordert, belastbare Grundlagen zu schaffen.
Weitere Details zum Thema CO2-Emissionen finden Sie in unserem Nachhaltigkeits-Report sowie in den Factsheets zum Nachhaltigkeits-Score.