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Berufsunfähigkeitsversicherung: Sie leistet – aber Stabilität wird zur Vertrauensfrage

Die Berufsunfähigkeitsversicherung leistet häufiger, als manche Schlagzeile vermuten lässt. Die meisten geprüften Leistungsfälle werden anerkannt. Doch der Markt hat ein anderes Problem: Der Wettbewerb um immer günstigere Beiträge und immer bessere Bedingungen setzt die langfristige Stabilität unter Druck.

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist kein Produkt für den Moment

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung wird nicht für ein, zwei Jahre abgeschlossen. Sie soll oft 30, 40 oder sogar 50 Jahre tragen. Wer heute als Schüler, Student oder Berufseinsteiger eine BU abschließt, erwartet Schutz bis weit in die Zukunft. Genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht nur: Wie gut sind die Bedingungen heute? Sondern auch: Wie stabil ist das Leistungsversprechen über Jahrzehnte?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der Vorstellung unserer aktuellen BU-Leistungspraxisstudie. Bevor wir die Ergebnisse zur Leistungsregulierung vorgestellt haben, haben wir den Blick bewusst geweitet: auf das BU-Stabilitätsrating auf die Entwicklung der Prämien, auf kalkulatorische Risiken und auf die Frage, ob der Markt an manchen Stellen zu viel verspricht und zu wenig dafür verlangt.

Denn eines ist klar: Die BU hat heute kaum noch ein klassisches Bedingungsproblem. Die Bedingungsqualität im Markt ist über viele Jahre hinweg deutlich gestiegen. Für Kunden ist das grundsätzlich eine gute Nachricht. Doch wenn Leistungen immer umfangreicher, Risikoprüfungen immer schlanker und Beiträge zugleich immer günstiger werden, entsteht Spannung. Und diese Spannung verschwindet nicht dadurch, dass die Leistungen im Neugeschäft attraktiv aussehen.

Preiswettbewerb in der Berufsunfähigkeitsversicherung: Welche Folgen drohen?

Der Wettbewerb in der BU wurde lange über Bedingungen geführt. Heute wird er zunehmend über den Preis geführt. Für Vermittler und Kunden wirkt das zunächst positiv: bessere Bedingungen, niedrigere Beiträge, einfacherer Zugang. Doch aus Sicht der Kalkulation ist das kein Selbstläufer.

Wir beobachten seit Jahren, dass einzelne Berufsgruppen immer feiner segmentiert werden. Besonders attraktive Zielgruppen, etwa akademische oder kaufmännische Berufe, werden hart umworben. Gleichzeitig wird für viele körperlich Tätige die Absicherung immer schwerer erreichbar. Das führt zu einer Konzentration auf bestimmte Risiken und damit zu einem Klumpenrisiko.

Hinzu kommt: Gerade in vermeintlich günstigen Berufsgruppen steigen psychische Erkrankungen als Leistungsursache. Das trifft ausgerechnet jene Bestände, die lange als besonders kalkulierbar galten. Wer heute nur auf niedrige Beiträge schaut, übersieht möglicherweise, dass sich Risiken über lange Laufzeiten verändern können.

Warum ein günstiger BU-Beitrag nicht gleich ein stabiler ist

Ein niedriger Nettobeitrag verkauft sich gut. Aber er ist kein Garant für ein dauerhaft günstiges Produkt. Denn in der BU spielt die Überschussbeteiligung eine zentrale Rolle. Sinkt sie, steigt der Zahlbeitrag für Bestandskunden, im Zweifel bis zum Bruttobeitrag.
In der Praxis ist das kein theoretisches Risiko. Überschussanpassungen gab es in den vergangenen Jahren bei zahlreichen Versicherern. 

Für Kunden bedeutet das: Der vermeintlich günstige Vertrag kann über die Jahre teurer werden. Für den Markt bedeutet es: Sinkende Überschüsse sind ein Warnsignal dafür, dass Kalkulationen nicht immer so stabil sind, wie sie im Neugeschäft erscheinen.

Besonders problematisch: Anpassungen treffen häufig Bestandskunden, während das Neugeschäft weiter günstig angeboten wird. Der Wettbewerb zwingt Anbieter dazu, im Schaufenster attraktiv zu bleiben. Die langfristigen Folgen zeigen sich aber im Bestand.

Steigende Beiträge im Bestand haben dabei eine weitere, oft unterschätzte Konsequenz: Kunden, die noch jung und gesund sind, reagieren rational – sie kündigen und wechseln zu einem günstigeren Anbieter. Zurück bleiben jene, die aufgrund ihres Alters oder ihres Gesundheitszustands keinen neuen Vertrag mehr abschließen können. Diese Antiselektion verschlechtert die Risikostruktur des Bestands zusätzlich, was den Druck auf die Überschüsse weiter erhöht – und damit die Beiträge erneut steigen lässt. Ein klassischer Teufelskreis, der einen einmal angeschlagenen Bestand in eine immer schwierigere Lage treibt.

Welche BU-Produktmerkmale bergen kalkulatorische Risiken?

Viele Produktmerkmale, die im Vertrieb attraktiv klingen, können langfristig Stabilitätsrisiken erzeugen. Dazu gehören etwa umfangreiche Nachversicherungsgarantien, verkürzte Gesundheitsfragen, kurze Abfragezeiträume oder Umtauschoptionen aus anderen Produkten in eine BU.
Für Versicherte sind solche Optionen zunächst wertvoll. Sie ermöglichen Flexibilität und erleichtern den Zugang. Aber sie können auch Antiselektion fördern. Wer bereits gesundheitlich angeschlagen ist, hat ein stärkeres Interesse daran, bestehende Optionen auszuschöpfen. Wenn solche Risiken nicht sauber eingepreist sind, belastet das den Bestand.

Ein Beispiel sind Nachversicherungsgarantien. Ursprünglich sollten sie den Schutz an echte Lebensveränderungen anpassen: höheres Einkommen, Familiengründung, Immobilienfinanzierung. Inzwischen gibt es immer mehr Ereignisse, die weniger mit einem echten Absicherungsbedarf zu tun haben, sondern eher zusätzliche Kontakt- und Abschlussanlässe schaffen. Das klingt komfortabel, kann aber kalkulatorisch teuer werden.

Ähnliches gilt für verkürzte Gesundheitsfragen. Sie erleichtern den Abschluss, senken aber die Chance, relevante Vorerkrankungen zu erkennen. Chronische Erkrankungen können je nach Abfragezeitraum unentdeckt in den Bestand gelangen. Was heute wie ein kundenfreundlicher Zugang wirkt, kann morgen zum Problem für die Versichertengemeinschaft werden.

Wie häufig leistet die Berufsunfähigkeitsversicherung?

Die weitere zentrale Botschaft: Die Leistungspraxis der untersuchten BU-Versicherer ist deutlich besser, als manche pauschale Kritik vermuten lässt.

Die BU-Leistungspraxisstudie von Franke und Bornberg basiert auf einer breiten Datenbasis: 16 Versicherer, rund 9,3 Millionen BU-Versicherte, fast 200.000 laufende Leistungsfälle und über 48.000 Leistungsfall-Neuanmeldungen im Jahr 2024 (Stichtag: Berichtsjahr 2024). Hinzu kommen detaillierte Stichproben aus Leistungsakten, die Franke und Bornberg im Rahmen der Unternehmensratings prüft.

Das Ergebnis: Von den tatsächlich entschiedenen Leistungsfällen wird der weit überwiegende Teil anerkannt. Je nach Betrachtung liegt die Anerkennungsquote bei rund 80 Prozent beziehungsweise bei etwa 76 Prozent, wenn sehr kleine Renten bis 300 Euro herausgerechnet werden.

Das ist kein Freifahrtschein für die Branche. Aber es ist ein wichtiger Gegenpunkt zu der oft gehörten Behauptung, BU-Versicherer würden im Leistungsfall ohnehin nicht zahlen. Diese Aussage wird durch unsere Daten nicht gestützt.

Nicht jeder gemeldete BU-Fall ist ein entschiedener Fall

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen gemeldeten und entschiedenen Leistungsfällen. Nicht jede Leistungsfallmeldung führt am Ende zu einer Entscheidung, also einer Anerkennung oder Ablehnung. Manche Kunden verfolgen den Antrag nicht weiter, reichen Unterlagen nicht ein oder stellen nach erster Klärung fest, dass die Voraussetzungen für Berufsunfähigkeit nicht erfüllt sind.
Diese Fälle sind keine Ablehnungen im eigentlichen Sinn. Der Versicherer kann ohne ausreichende Informationen nicht entscheiden, ob Berufsunfähigkeit vorliegt oder nicht. In der Praxis erinnern Versicherer mehrfach und nehmen die Prüfung häufig wieder auf, wenn sich Kunden später erneut melden.
Das zeigt: Die Leistungsprüfung ist kein einfacher Automatismus. Sie ist ein komplexer Prozess, der medizinische, berufliche und vertragliche Fragen zusammenführen muss.

Warum braucht BU-Leistungsprüfung Zeit?

Eine BU zahlt nicht wegen einer Diagnose. Sie zahlt, wenn die versicherte Person ihren zuletzt ausgeübten Beruf voraussichtlich dauerhaft zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kann. Genau darin liegt die Komplexität.

Der Versicherer muss klären: Welche gesundheitlichen Einschränkungen liegen vor? Welche Tätigkeiten hat die versicherte Person konkret ausgeübt? Welche Aufgaben waren prägend? Welche Tätigkeiten sind noch möglich? Und wie wirken sich Krankheit oder Unfall auf das konkrete Berufsbild aus?
Deshalb werden Fragebögen, Arztberichte, Klinikunterlagen, Reha-Berichte, berufliche Tätigkeitsbeschreibungen und Einkommensunterlagen benötigt. Der Prozess dauert im Durchschnitt rund ein halbes Jahr, um die 200 Tage. Ablehnungen dauern meist länger als Anerkennungen, weil Versicherer diese Entscheidungen besonders sorgfältig absichern.

Das ist für Betroffene eine lange Zeit. Wer berufsunfähig ist, braucht Geld nicht irgendwann, sondern möglichst schnell. Deshalb bleibt die Dauer der Leistungsprüfung ein kritischer Punkt. Bessere Kommunikation, digitale Prozesse, qualifizierte Leistungsprüfer und sinnvolle KI-Unterstützung können helfen. Aber sie ersetzen nicht die fachliche Prüfung.

Was sind die wichtigsten Gründe für BU-Ablehnungen?

Wenn BU-Leistungsfälle abgelehnt werden, liegt das meist an zwei Gründen.
Der häufigste Grund: Der erforderliche BU-Grad von 50 Prozent wird nicht erreicht. Das kann medizinisch oder beruflich begründet sein. Gerade weil die BU auf den konkret ausgeübten Beruf abstellt, sind Einzelfallbewertungen unvermeidlich. Hier gibt es Grauzonen, und hier entscheidet sich, wie kundenorientiert und fachlich sauber ein Versicherer arbeitet.

Der zweite große Block sind vorvertragliche Anzeigepflichtverletzungen. Das bedeutet: Bei Antragstellung wurden relevante Vorerkrankungen nicht oder nicht vollständig angegeben. Im Leistungsfall kann das dazu führen, dass der Versicherer nicht leisten muss.

Diese Fälle sind besonders bitter. Denn die betroffene Person ist im Leistungsfall häufig tatsächlich krank. Der Schutz scheitert dann nicht an der aktuellen Erkrankung, sondern an Fehlern beim Abschluss. Für Vermittler ist das eine klare Mahnung: Sorgfalt bei der Antragstellung ist kein Formalismus. Sie entscheidet im Ernstfall über die Existenzsicherung.

Was sind die häufigsten Leistungsursachen in der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache für anerkannte BU-Leistungen. Sie machen knapp 30 Prozent der anerkannten Fälle aus. Danach folgen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, Krebserkrankungen, Nervenkrankheiten, Unfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Auffällig ist: Psychische Erkrankungen sind nicht mehr nur bei Frauen die wichtigste Ursache, sondern inzwischen auch bei Männern. Für Versicherer ist das eine besondere Herausforderung. Psychische Erkrankungen sind oft schwerer zu objektivieren, Verläufe sind individueller, Unterlagen manchmal weniger eindeutig. Entsprechend dauern solche Leistungsprüfungen häufig länger.

Bei Krebserkrankungen ist die Lage anders. Sie sind meist klarer diagnostizierbar und medizinisch besser dokumentiert. Deshalb werden sie häufiger und schneller anerkannt. Auch Post- und Long-Covid-Fälle spielen inzwischen eine Rolle. In den untersuchten Daten ist die Fallzahl noch überschaubar, die Anerkennungsquote bei schweren Verläufen aber vergleichsweise hoch.

Wie häufig sind Gutachten und Prozesse?

Ein verbreiteter Vorwurf lautet, Versicherer würden Leistungsfälle durch Gutachten systematisch verzögern. Unsere Daten zeigen ein anderes Bild. Gutachten werden nur in rund 5 Prozent der Fälle eingeholt. Sie sind teuer, dauern lange und sind daher auch für Versicherer nicht attraktiv.

Auch Gerichtsverfahren sind selten. Bezogen auf die Neuanmeldungen landen nur etwa 2 Prozent der Fälle vor Gericht. Wenn es zu Verfahren kommt, enden die meisten mit einem Vergleich. Das zeigt: Streitfälle gibt es, aber sie prägen nicht die Mehrheit der Leistungsfälle.

KI kann helfen – aber sie entscheidet nicht

Auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz wurde diskutiert. Versicherer nutzen KI bereits punktuell, etwa um umfangreiche medizinische Unterlagen zu strukturieren oder zusammenzufassen. Das kann Leistungsprüfer entlasten.

Aber KI trifft keine Leistungsentscheidung. Und das sollte sie auch nicht. BU-Leistungsprüfung braucht medizinisches Verständnis, juristische Einordnung, Erfahrung und die Fähigkeit, individuelle Berufsprofile zu bewerten. KI kann vorbereiten, sortieren und unterstützen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.

Kurzfristig wird KI die Bearbeitungszeiten deshalb nicht automatisch verkürzen. Zunächst müssen Systeme entwickelt, geprüft und in sichere Prozesse eingebunden werden. Mittelfristig kann KI aber helfen, die Leistungsprüfung effizienter und nachvollziehbarer zu machen.

Die eigentliche Vertrauensfrage lautet: Wer hält durch?

Die BU ist eines der wichtigsten Produkte zur Absicherung der Arbeitskraft. Unsere Leistungspraxisstudie zeigt: Bei den untersuchten Versicherern funktioniert sie in der Breite. Die meisten entschiedenen Fälle werden anerkannt. Gutachten und Gerichtsverfahren sind eher Ausnahme als Regel.

Doch die Studie zeigt im Zusammenspiel mit unserem Stabilitätsrating auch: Die Branche darf sich nicht auf guten Leistungsquoten ausruhen. Denn die eigentliche Vertrauensfrage verschiebt sich. Sie lautet nicht nur: Leistet der Versicherer heute? Sondern: Ist er auch in der Zukunft noch stabil genug, um fair, zügig und verlässlich zu leisten?

Kunden sollten den niedrigsten Nettobeitrag nicht mit dem besten Tarif verwechseln. Entscheidend ist die Stabilität – ob der Versicherer mit realistischen Annahmen gearbeitet hat und die Prämie auch zum versicherten Risiko passt.
Vermittler kommen mit einem reinen Beitragsvergleich nicht weit. Zur sauberen BU-Beratung gehört die Auseinandersetzung mit der Stabilität und der Überschusshistorie des Versicherers. Wer nur Leistungen und Nettobeiträge gegenüberstellt, lässt die zukünftige Entwicklung außen vor.

Versicherer sollten kalkulatorische Stabilität als Verpflichtung verstehen, nicht als Marketingversprechen. Wer im Neugeschäft aggressiv kalkuliert, ohne die langfristige Tragfähigkeit sicherzustellen, schadet seinen Bestandskunden – und damit auch sich selbst.

Die BU braucht Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht durch immer neue Leistungsversprechen zum immer niedrigeren Preis. Vertrauen entsteht, wenn Produktqualität, Risikoprüfung, Prämie und Leistungspraxis zusammenpassen.
Genau daran wird sich der Markt messen lassen müssen.

 

Keyfacts

  1. Berufsunfähigkeitsversicherung: Rund 80 % der entschiedenen Leistungsfälle werden anerkannt – laut BU-Leistungspraxisstudie von Franke und Bornberg (Berichtsjahr 2024).
  2. Psychische Erkrankungen sind mit knapp 30 % die häufigste BU-Leistungsursache – inzwischen bei Männern wie Frauen.
  3. Gutachten kommen nur in rund 5 % der BU-Leistungsfälle zum Einsatz – Gerichtsverfahren betreffen lediglich 2 % der Neuanmeldungen.
  4. Leistungsprüfung BU: Der Prozess dauert im Durchschnitt rund 200 Tage – Ablehnungen dauern länger als Anerkennungen.
  5. Niedrige BU-Nettobeiträge sind kein Stabilitätsmerkmal – Überschussanpassungen können den Zahlbeitrag für Bestandskunden bis zum Bruttobeitrag steigen lassen.

Michael Franke

Michael Franke
Geschäftsführender Gesellschafter
Franke und Bornberg

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