Kapitalanlage: ein zentraler Hebel für Nachhaltigkeit in der Versicherung
Welche Bedeutung hat die Kapitalanlage für die Transformation der Versicherungsbranche?
Versicherer haben im eigenen Geschäftsbetrieb einen vergleichsweise kleinen ökologischen Fußabdruck. Der größere Hebel liegt an anderer Stelle: in der Kapitalanlage. Hier entsteht der mit Abstand größte Teil der Emissionen in der Versicherungswirtschaft – und hier entscheidet sich, wohin Kapital fließt und welche Entwicklungen künftig unterstützt werden.
Genau deshalb ist die Kapitalanlage für die Transformationsprozesse Versicherung nicht nur ein Begleitthema, sondern das zentrale Handlungsfeld. Die Versicherungswirtschaft in Deutschland verfügt über Kapitalanlagen von rund 1,9 Billionen Euro (GDV, Statistisches Taschenbuch 2024). Diese Größenordnung macht deutlich, welchen Einfluss die Kapitalanlage von Versicherern auf die Finanzierung auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen haben kann.
Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage ist bei Versicherern angekommen
Unser aktueller Nachhaltigkeits-Report unterstreicht diese Bedeutung mit einer breiten Datenbasis. Untersucht wurden 48 Versicherungskonzerne – das entspricht 214 deutschen Erstversicherern. Grundlage sind öffentlich verfügbare Nachhaltigkeitsberichte, Berichte nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und nichtfinanzielle Erklärungen.
In der Auswertung zeigt sich, dass mehr als 90 Prozent der untersuchten Versicherer in der Kapitalanlage bereits auf gezielte Anlagestrategien in Form von Positiv- oder Ausschlusskriterien setzen und somit Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen (Franke und Bornberg, Nachhaltigkeits-Report 2026). Positivkriterien lenken Kapital gezielt in Projekte oder Unternehmen, die definierte Kriterien erfüllen, während Ausschlusskriterien Investments in Bereiche oder Akteure verbieten, die festgelegten sozialen oder ökologischen Kriterien nicht entsprechen.
Welche Ausschlusskriterien haben Versicherer?
- Mit 71 Prozent sind Investitionen in Kohle der häufigste Ausschluss für Unternehmen (Franke und Bornberg, Nachhaltigkeits-Report 2026).
- Danach folgen Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen (56 Prozent), Öl (50 Prozent) sowie Korruption und Bestechung (46 Prozent).
- Seltener ausgeschlossen werden geächtete und kontroverse Waffen (jeweils rund 40 Prozent) sowie Unternehmen mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität (35 Prozent).
Welche Strategien der Kapitalanlage sind erfolgversprechend zur Transformation?
Eine Nachhaltigkeitsaspekte einbeziehende Kapitalanlage erschöpft sich jedoch nicht in Ausschlüssen. Denn wer Unternehmen oder Branchen pauschal ausschließt, entzieht ihnen Kapital – begleitet sie aber nicht auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Gerade mit Blick auf Transformation braucht die Versicherung einen breiteren Ansatz:
Die Transformation selbst muss ebenso finanziert werden. Engagement – die aktive Einflussnahme auf Unternehmen durch Stimmrechtsausübung und direkten Dialog – gewinnt dabei an Bedeutung. Diese Strategie ermöglicht es, Akteure bei Veränderungsprozessen zu begleiten, statt sie pauschal auszuschließen. Zwei Drittel der untersuchten Versicherer geben an, aktives Engagement zu betreiben (Franke und Bornberg, Nachhaltigkeits-Report 2026).
Auch Best-in-Class-Strategien können unter dem Blickwinkel der Transformation eine Rolle spielen: Sie ermöglichen es, auch Unternehmen aus klimaintensiven Branchen Kapital bereitzustellen und dabei solche Akteure zu bevorzugen, die anhand festgelegter Kriterien innerhalb ihrer Branche besser abschneiden. Denn ohne Investitionen können auch die emissionsintensivsten Branchen ihren Wandel nicht stemmen. Diese Strategie ist derzeit allerdings nur bei 13 Prozent der Versicherer verankert (Franke und Bornberg, Nachhaltigkeits-Report 2026). Gerade bei der aktiven Förderung von Transformation bleibt in der Kapitalanlage dementsprechend spürbarer Handlungsbedarf.
Wie regelmäßig untersuchen Versicherer ihre Portfolios?
Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien in der Kapitalanlage ist nicht mit der einmaligen Festlegung von Anlagestrategien abgeschlossen. Entscheidend ist, ob Verstöße tatsächlich erkannt, dokumentiert und mit klaren Maßnahmen beantwortet werden. Für Versicherer bedeutet das: Sie müssen ihre Portfolios regelmäßig überprüfen und bei Verstößen nachvollziehbar reagieren.
Genau hier bleibt die Transparenz jedoch häufig begrenzt: Nur rund ein Drittel der untersuchten Versicherer berichtet über einen dokumentierten Maßnahmenkatalog. Auch die Prüfzyklen unterscheiden sich deutlich: von vierteljährlich (18 Prozent) über halbjährlich (8 Prozent) bis jährlich (6 Prozent) – mehr als die Hälfte macht dazu keine Angaben (Franke und Bornberg, Nachhaltigkeits-Report 2026). Wo diese Informationen fehlen, bleibt offen, wie verbindlich die nachhaltigen Anlagestrategien in der Praxis tatsächlich umgesetzt werden.
Verlässliche Messbarkeit als nächster Entwicklungsschritt bei nachhaltiger Kapitalanlage
Mit der stärkeren Verankerung nachhaltigkeitsbezogener Anlagestrategien rückt auch die Frage der Messbarkeit in den Vordergrund. Denn eine möglichst vollständige Erfassung der finanzierten Emissionen hilft dabei, Emissionsschwerpunkte zu erkennen und daraus gezielte Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Die Berichterstattung zu finanzierten Emissionen ist derzeit schwer vergleichbar – einheitliche Berechnungsstandards fehlen noch branchenweit.
Zusätzlich scheitert eine vollständige Erfassung häufig an der Verfügbarkeit externer Daten. Die aktuellen Werte zur CO2-Intensität der Kapitalanlageportfolios sind daher noch nicht direkt miteinander vergleichbar. Für Versicherer und ihre Portfoliounternehmen ist eine belastbare, vergleichbare Datengrundlage daher der nächste notwendige Schritt, um die eigene Wirkung besser messen zu können.
Kapitalanlage als ein zentraler Hebel für die Transformation der Versicherungsbranche
Eine an Nachhaltigkeitsaspekten ausgerichtete Kapitalanlage ist kein Randthema und auch keine reine Reporting-Frage. Sie ist ein Handlungsfeld, in dem sich strategische Ausrichtung, Risikobewusstsein und langfristige Verantwortung bündeln. Bei der Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kriterien in der Kapitalanlage bleiben zugleich Sicherheit und Rendite der Kundengelder wichtige Anforderungen. Gerade diese Balance macht das Thema anspruchsvoll – und die Kapitalanlage zu einem zentralen Handlungsfeld für die Transformation der Versicherungsbranche.
Weitere Details zur Kapitalanlage finden Sie in unserem Nachhaltigkeits-Report sowie in den Factsheets zum Nachhaltigkeits-Score.
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